Die
2. Tage
des offenen
brandenburgischen Buches

Der Neustart für Literatur und Buchkunst in Brandenburg

28. MAI-20. JUNI 2021

MIT 21 LESUNGEN
3 BUCHKUNSTEVENTS
1 LESEFESTIVAL
1 KINDER- UND JUGENDBUCHFEST
1 DIGITALEN BUCHKUNSTAUSSTELLUNG

IN 18 ORTEN
MIT 22 AUTOREN
UND 12 BUCHKÜNSTLERN

Einladung

Als sich die Autoren, Buchkünstler, Verleger und Veranstalter dazu entschlossen, in diesem Frühjahr zu den 2. Tagen des offenen brandenburgischen Buches einzuladen, ging es vor allem auch darum, gegen diese seltsame Atmosphäre der Erstarrung, die unter uns eingezogen ist, ein Zeichen zu setzen. Bücher verfügen über besondere Kräfte, und das gerade auch dann, wenn wir lernen müssen, mit Verlust umzugehen. Das betrifft ganz besonders den Verlust am kommunikativen Austausch, am kulturellen Erleben und an individueller Freiheit, wie er unsere Gegenwart bezeichnet. Was uns die letzten Monate zuerst gezeigt haben, ist die Bedeutung all dessen für unser Wohlbefinden. Man möchte fast sagen, wir haben vor Augen gehalten bekommen, dass die Kultur so wichtig ist wie das Brot – zumindest beinahe.

Da sind wir nun, gezwungen das Kleingedruckte zur Frage unserer Sicherheit bei einem Veranstaltungsbesuch nicht mehr am Ende der Ankündigung, sondern ganz am Anfang aufzuführen. In diesem Sinne haben wir für die Events außergewöhnliche Orte gesucht, die mit ihrer Weitläufigkeit ein gutes Gefühl vermitteln. Vom 28. Mai bis zum 20. Juni laden wir in Kirchen, Schlösser, aber auch in die freie Natur ein. In den Lenné-Park nach Criewen beispielsweise, wo sechs Brandenburger Autoren zu einem einmaligen Experiment auf Leseinseln platz nehmen werden, um parallel aus ihren Büchern zu lesen. In die Kulturgießerei Schöneiche zu einem ersten Kinder- und Jugendbuchfest des Landes und ins uckermärkische Schloss Wartin zu einem Lesefest für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Im Mittelpunkt dieses einzigen landesweit stattfindenden Literaturfestivals sollen gerade die entlegenen und kleinen Orte stehen, die von Politik und Kulturbetrieb so oft links liegen gelassen werden. Nein, in diesem Falle ist es gewollt, dass die Autoren zu den Menschen aufs Land kommen, anstatt über sie zu schreiben.
Auch großartige Buchkunst wird es an verschiedenen Orten und in einer ersten digitalen Ausstellung zu entdecken geben. Wir laden Sie ein, dabei zu sein, wenn das „Unternehmen Neustart Literatur“ in Brandenburg anläuft und freuen uns auf Ihre Neugier.

Hans Jörg Rafalski, Initiator

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Zeit des Konjunktivs

Mit "Das Hohe Lied" ist der aktuelle Roman der in Bad Belzig ansässigen deutsch-amerikanerischen Erfolgsautorin Nell Zink überschrieben. Sie hätte am 16. April mit ihm im Theater am Rand die 2. Tage des offenen brandenburgischen Buches eröffnen sollen, das einzige landesweite Literatur- und Lesefestival. Auf die Absage rückte der Potsdamer Peter Walther mit seinem aktuellen Buch "Fieber" am 30. April auf die Eröffnungsposition. Aber auch dazu kam es nicht. Sie fallen wie in einem Krieg, einem, den das Virus auch gegen Veranstaltungstermine führt. Es spielt die Zeit das hohe Lied des Konjunktivs, um bei Nell Zink zu bleiben. Wir wollen und wir könnten. Was dieses Virus mit unserer Gesellschaft anstellt, hat viele Gesichter gefunden und ebenso viele Geschichten. Die zahllosen der Risiken und des Erschöpftseins der Mediziner, Schwestern und Pfleger, die der stillen Leiden der Ladenbesitzer, Gastronomen, Hoteliers, Flugpiloten, aber eben auch die von Autoren und Künstlern, die seit einem Jahr zum Schweigen verdammt sind. Wenn die Initiatoren der Tage des offenen brandenburgischen Buches zuletzt zwischen Aufgeben und Durchhalten in die Runde fragten, dann wird die leise Bitterkeit spürbar, ein Bisschen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Auch diese Leben stehen still. Wir haben mit diesem andauernden Verlegen von Terminen begonnen, das Leben vor uns herzuschieben, nur die Zeit lässt sich ja nicht anhalten. Unsere Lebenszeit läuft stur einfach weiter und uns davon, während wir ohnmächtig auf der Stelle stehen. Dann kehrt aber gleich der Trotz zurück und, wer kann, spricht sich fürs Weitermachen aus. Wie die warme Frühlingsluft unausweichlich Pflanzen zum Treiben ihrer Blüten antreibt, bringt auch die Hoffnung auf einmal einsetzende Rückkehr zu einem normalen Leben immer wieder neue Termine für Lesungen hervor. Büchermacher sind auch Exhibitionisten. Sie erschaffen, um ihre Geschöpfe zu zeigen und dazu in Dialog zu treten.

Mit dem kreativen Potential der Brandenburger verhält es sich ja nicht anders als mit dem in anderen Ländern auch. Es mag verstreuter liegen als anderswo, sich schwerer finden und fassen lassen, was auch in der Natur des weiten Flächenlandes mit seinem großen, es so sehr zäsierenden Vorort in der Mitte begründet liegt. Da sind bislang nur lokale Schaufenster möglich gewesen, um seine Büchermacher zu fokussieren, aber nichts landesweites. Wer es so interpretieren möchte, könnte daran auch ablesen, dass Büchermacher im offiziellen Brandenburg keine Lobby haben. Sie bleiben sich überlassen und schlagen sich so durch - in praxi sucht schließlich jeder auf seine Weise den passenden Anschlusszug Richtung Berlin.

Gemessen an ihren instinktiven Eigenschaften, stecken Kreative gegenwärtig in einem Gefängnis. Was aber in einem Gefängnis landet, drängt seiner Natur gemäß zum Ausbruch. Keine Frage, die Politik spricht auch von der Bedeutung der Kultur und das sie helfen wolle. Zahlen und Schweigen sprechen eine andere Sprache. Anstatt eines Programms zur Bildung einer Branche bietet sie Künstlern Microstipendien genannte Scherzartikel und Grundsicherung. Es geht um Krankenhäuser, Krankenhäuser und Krankenhäuser und dagegen wird niemand argumentieren. Das das lange Eingesperrtsein Menschen aber auch in ein Kranksein führt, ist gerade ein wenig passendes Thema, denn dieses Kranksein ist von einer Art, die nicht tödlich endet und so etwas zählt jetzt nicht. Kultur ist so wichtig wie Brot, vielleicht sogar wie Medizin, halten Künstler und Kulturschaffende allerdings dagegen, denn das ist etwas, das uns die Zwänge der Gegenwart gerade unwiderruflich lehren. Und auch, dass wir auf dem Holzweg sind, wir alle. Nicht Wettbewerb bringt eine Gesellschaft weiter, sondern das Miteinander, das Beieinandersein. So wie Mediziner und Pflegepersonal bei den ihnen Anvertrauten sein müssen, so müsste die Gesellschaft auch bei ihren Kulturträgern sein, damit die wiederum bei den Menschen sein können. Unser Leben verarmt, nein es ist schon arm genug an all den Orten, wo es ohne Bücher, ohne Bilder, ohne Musik und ohne Gestaltung der Lebensräume laufen muss. Im Vergleich mit so vielen Ländern sind wir bereits unsagbar arm, haben es nur noch nicht verinnerlicht. Denn Bücher, Bilder, Musik und gestaltete Lebensräume fallen nicht vom Himmel, die kommen, weil es Kreative gibt, die das alles erschaffen, Autoren, Maler, Musiker, Bildhauer, Designer. Es kommt, wenn es Schöpfer gibt, wenn es sie noch gibt. Und immer wieder führt einen der Zustand "Kultur" in Brandenburg zurück zum Konjunktiv. Wenn es sie gäbe beziehungsweise wenn es sie im Licht der Öffentlichkeit gäbe. Eine Gesellschaft braucht sie, ihre Schöpfer und Gestalter, um sich gesund entwickeln zu können. Und sie verkümmert, wenn sie nur noch auf Autobahnen, Tankstellen und Waschstraßen beieinander ist. Deutschland, und Brandenburg vor allem hat aber diese Globalentscheidung getroffen: Autobahnen, Autobahnen, Autobahnen. Das Land hat - und das verrückter Weise - für Merkmale von Bewegung votiert, nur eben jene oberflächlichen, die zugleich aber längst Ausdruck des inneren Stillstands seiner Gesellschaft ist, wo man in Ländern wie Estland oder Irland im Umgang mit ganz anderen Dynamiken Zukunftsgesellschaft baut. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit zum Wandel ist das eine, der Mut ihn als das Unausweichliche anzunehmen, um ihn aktiv zu gestalten, etwas ganz anderes. Das konservative Klammern führt stattdessen in die Katastrophe, wie uns der Umgang der Deutschen mit dem Virus zeigt.

"Jede Zeit baut Pyramiden" titelte Rolf Hochhuth in den Achtzigern. Er hätte möglicherweise auch geschrieben, "Jede Zeit schreibt ihre Bücher". Brandenburg hat Büchermacher, die der Zeit Pyramiden in Buchform erschaffen. Die Bücher aus der edition Galerie Vevais von Alexander Scholz zeigen das, was der State of the Art auf und aus Papier zulässt. Es mag möglich sein, aus Papier anderes zu fertigen, Schönes und Einzigartiges, aber vermutlich nichts über diese Bücher hinaus. Man findet sie in der Welt, in Paris und in New York, in einem Brandenburger Buchladen kennt man sie aber nicht. Bücher von solchem Reiz sind möglich, weil die dahinter - Autoren, Grafiker, Fotografen, Designer, Lithografen, Drucker und Buchbinder - ihre Kompetenzen und Ansprüche zusammenlegen, weil das Ziel das Außergewöhnliche, das Gemeinsame und nicht der Egotrip ist. Bei solchen Abenteuern geht es um bescheidene Auflagen, 30 oder 300. Daneben gibt es die erklärten Buchkünstler - Individualisten, die sich auf dem Land vergraben, um in einer Gesellschaft voller Grenzen grenzenlos denken und arbeiten zu können. Was sie unter dem Begriff "Buch" verstehen, findet bei ihnen immer wieder vollkommen neue und von jeglichen Normen befreite, einzigartige Definitionen. Buchkünstler stellen keine besondere Berufsgruppe dar, es sind Künstler, die ihre aus Dialogen mit der und Exkursen in die Realität resultierenden Einsichten und Befindlichkeiten in Buchform ausdrücken. Ihre Arbeiten nennen sich "Künstlerbücher". Künstlerbücher wenden sich gegen jede Form der Mechanisierung, wie sie von genormten Buchstaben und unendlichen Auflagen ausgedrückt werden, somit im Übertragenen aber gegen die Mechanisierung und Normung des Lebens schlechthin, wie wir die alle freudig, bedauernd oder schon gar nicht mehr wahrnehmend über uns geschehen lassen. Anachronistisch klingt das, aber in dieser Zeit leben wir, in der alles Menschliche genau zu dem gemacht wird, etwas Anachronistischem. Und in der das Mechanische, das eben noch utopisch erschien, sich über unseren Köpfen erfüllt. Dieser gesellschaftliche Widersatz, der sich zeitgleich in der Ernährung zwischen Landwirtschaft und Industrie und in der Kommunikation zwischen Gespräch und digitaler Twitterei und infantiler Likerei vollzieht, und der vom Menschen verloren gegeben scheint, wird mit diesen Büchern noch ausgetragen. Den Unikaten und Kleinauflagen, die gegen die von Robotern zusammengesetzten Massenauflagen stehen und immer wieder furchtlos aufs Neue entstehen als gäbe es keine Ökonomie, keine Märkte und Verkaufszwänge. Buchkünstler führen darin die Schrift zu ihrem Ursprung zurück, dem Schreiben. Sie schreiben Buchtexte wie Mönche im Mittelalter Bücher mit der Hand vervielfältigten. Jedes Künstlerbuch öffnet so einen neuen undefinierten Freiraum in sich und an sich. Man spürt das. Handgeschriebene Unikatbücher atmen. Es sind lebendige Bücher. Wo wir in der Gegenwart längst und ohne darüber nachzudenken Typographie und Gefühl für Typographie verloren haben, weil die nur noch per Knopfdruck entsteht, wird hier ein urmenschliches Verlangen nicht nur am Leben erhalten, es wird immer wieder zu neuer Blüte geführt. Die Handschriften und Linienführung von Christiane Wartenberg sind zum Ausdruck des Gefühls "Oderbruch" geworden, ihrer Heimat. Rainer Ehrt erschafft die Linien, die das Havelland ausdrücken. Was diese Bücher möglich machen, ist ein Begreifen von etwas so Schwierigem, das man mit "Heimat Brandenburg" beschreiben möchte. Hier spielt sich - und das zumeist ungewollt - eine Suche nach der Identität des Landes ab, der letztlich jeder einzelne auf seinem Weg näher oder weniger nahe kommt. Identität eines Landes findet derjenige, der dessen Erde berührt, nicht der, der eine Ausschreibung gewinnt, um von irgendwem in einem Ministerium zum regelmäßigen Fortschreiben dessen in Werbespots und Anzeigen beauftragt zu werden. An keiner Stelle kommen sich die Erde des Landes und dessen geistige Reflexion aber so nahe, wie in diesen Unikatbüchern. Die radierten Schriften Christiane Wartenbergs übersetzen das Gefühl "Oderbruch" auf Papier ohne das zu wollen, wenn ihre einzigartige Typographie die aus dem Frühnebel des platten Landes staksenden Weidenkadaver interpretiert. Sie kann vor die Tür gehen, um in den Frühnebel und die Erde darunter zu greifen und dem Land darin so nahe sein, dass es sich begreifen lässt. Denn eine Brandenburger Identität kann nur von seiner Erde herrühren, nicht von seinen Menschen, die in die Leere nach dem Dreißigjährigen Krieg mittels Peuplierung und Migration auf derbe Weise zusammengeholt wurden und bis heute werden. Die sich zu einer so schwer fassbaren Gemeinschaft zusammengerauft haben, die mehr Fragen als Antworten aufwirft, kein klar definiertes Woher, aber zwischen andauernder Migration schon gar kein Wohin zu haben scheint. Das Brandenburg der Gegenwart ist ein Transitland. Mit seinen Schnellstraßen und Autobahnen seinem Vorort, und in seinen Entscheidungspositionen und Verwaltungen denen auf der Karrieredurchreise zu Diensten. So etwas kann keine Bodenständigkeit, keine Verwurzelung ausbilden, es enthebt sich in einem solchen Zustand sogar selbst des Anspruchs Land zu sein. Brandenburg ist ein Autobahnkreuz und so etwas bleibt unendlich schieblich, bewegbar und in der letzten Konsequenz unfassbar.

Um zu Anfang und Anlass zurückzukehren, die 2. Tage des offenen brandenburgischen Buches werden dennoch beginnen. Mit dem Altenburger Schauspieler Bruno Beeke, der wie geplant am 24. April im Industrie Speicher Gramzow 28 Meter über seiner Heimat aus einem besonderen Kunstwerk vortragen wird, der "Gebrochenen Poesie Uckermark". Es wird eine in zweifacher Hinsicht symptomatische Aufführung sein, eine in der erzwungenen Leere des Gebäudes über dem bereits so verlassen daliegenden Land. Es ist ein Widersatz in sich, die atmende Inszenierung eines Buches, dessen Kraft auch vom Öffnen der Buchkassette, vom Herausnehmen, vom Spüren seiner Materialien herrührt, nicht erleben, sondern in einem Film nur ansehen zu können. Das lachende Auge freut sich darüber, dass uns wenigstens das digitale Weltnetz noch offen geblieben ist, aber das andere Auge weint, denn Bücher leben nun einmal von ihrer Haptik, ihrem Wert für unser Wohlbefinden dadurch, berührt und befühlt werden zu können. Papier zählt zu den ältesten künstlichen Stoffen der Menschheitsgeschichte, und der neben dem textilen Stoff vermutlich der Wichtigste. Der textile wärmt uns von außen, Papier beschrieben aber besitzt diese große Fähigkeit, uns von innen zu erwärmen. Es ist der große Verlierer der digitalen Revolution, und mit ihm das Handschreiben, die Typographie - Dinge, die wir auf dem Weg in die glorreiche, bis eben noch unvorstellbar gewesene Zukunft nun auch als Ballast hinter uns lassen, als wäre es lange ersehntes Ziel der unserer Geschichte zu Grunde liegenden Höherentwicklung. Was wir in Brandenburg schreiben, besitzt endlich die genormte Form dessen, was Australier, Briten, Amerikaner und alle sonst auch schreiben. Auf nichts Vernünftiges ist sich die Menschheit zu einigen in der Lage, kein wirksames Bekämpfen ihres Krieges gegen den natürlichen Planeten, noch ein Beenden des Quälens und Tötens von Menschen, aber im Ausradieren lokaler Identitäten, wie sie sich auch in Handschriften, Typographie und eigener Sprache ausdrückt, sind wir eins. Eine Welt, die wie ein strahlend gewesener Stern der kulturellen Vielfalt als Weißer Zwerg zusammengeschrumpelt hinter den Grenzen der einen Weltidentität des grandiosen MS Office-Pakets noch ein wenig vor sich hin dimmt, sind wir im Begriff zu werden. Brandenburger Buchkunst nicht. Sie strahlt in die Welt hinaus und Sie sind herzlich eingeladen, sich davon in der ersten digitalen Buchkunstausstellung unter www.brandenburger-buecher.de ein Bild zu machen.

Real sollen die 2. Tage des offenen brandenburgischen Buches dennoch eröffnen. In diesem Ausscheidungsrennen um die neue Eröffnungsveranstaltung liegt nun die deutsch-polnische Autorin Brygida Helbig mit ihrer Lesung am 29. Mai im Schwedter Berlischky-Pavillon vorn. In aller Hoffnung persönlich und leibhaftig.

Hans Jörg Rafalski, Initiator der Tage des offenen brandenburgischen Buches
16. April 2021